Leben | Biographie

Kindheit, Kraut und Kraftwerk

Wie bei so vielen Kindern der Achtzigerjahre war auch mein Geist von einem noch ungebrochenen technischen Fortschrittsglauben gekennzeichnet. Im Plattenregal meines Vaters entdeckte ich neben Kraftwerk, Pink Floyd und Tangerine Dream vereinzelt auch obskure New Age Raritäten, die mit ihrer ungestüme Magie noch bis heute Einfluss ausüben. Früh fand auch ein an der heimischen Hifi-Anlage angeschlossenes Hallgerät Verwendung. 

Beseelt von dem Traum, später einmal Comiczeichner zu werden, widmete ich mich bereits als Kind verschiedenen künstlerischen Ausdrucksformen. Jede freie Minute verbrachte ich damit, fiktive Geschichten in Farbe und Form zu übersetzen. Auch außerhalb des Ateliers fand meine Spielfreude Ausdruck: Commodore 64 und Telespiele halfen dabei, die fantastischen Welten um pixelige Dimensionen zu erweitern.

Der Herr des langen Intros

Der Erwerb meines ersten Heimcomputers markierte den Anfang meiner Experimente mit Samples und Synthesizern. Die Affinität für komplexe Effektketten und ausgedehnte Soundscapes kamen hier erstmals zum Tragen. Schnell erwarb ich mir unter Freunden und Kollegen einen Namen als "Herr des langen Intros". Unter dem Alias "Broken Window Poetry" erblickten im Jahr 2003 erste Kompositionen das Licht der Welt. In Zusammenarbeit mit dem Label Tonquadrat wurden zudem erste öffentliche Auftritte organisiert.

2006 verließ ich meine Geburtsstadt, um mich dem Studium der Kunsttherapie zu widmen. Erweitert wurde mein Horizont u.a. durch das Gedankengut von C.G. Jung, Wilhelm Reich und Viktor Schauberger. Neben der Fluxus-Bewegung und Joseph Beuys prägten besonders die Werke von Brian Eno und John Cage mein Schaffen. Fernab des Studiums verbrachte ich viel Zeit mit ausufernden akustischen Erkundungstouren. Im Studio wurden die Feldaufnahmen durch improvisierte Passagen und sequenzergesteuerte Melodien ergänzt. Das Ergebnis nächtelanger Jam-Sessions mit Freunden wurde in regelmäßigen Abständen in selbst organisierten Konzerten präsentiert. Diese wurden u.a. von Künstlern wie Signal Orange bereichert. Umrahmt wurden sie von Ausstellungen und interaktiven Installationen. Meine Diplomarbeit "Über das Ephemere in der Kunst" untersucht das interdisziplinäre Verhältnis von Bild und Ton. Begleitet wird die ästhetische Forschungsarbeit von einer Reihe experimenteller Musikvideos.

Operation am offenen Unterbewusstsein

Die vertiefte Auseinandersetzung mit neuen Konzepten und elektroakustischen Ausdrucksformen gipfelte schließlich im Gemeinschaftsprojekt Dunkelhören. In einem stillgelegten Kinosaal wurden nicht nur gewohnte Konzertbedingungen ad Absurdum geführt: Dem Besucher wurde am Empfang eine Augenbinde angelegt. Das Personal, selbst von Geburt an blind und speziell für diesen Zweck angeheuert, begleitete den Besucher schließlich an seinen Platz in dem abgedunkelten Raum. Die darauffolgenden zwei Stunden wurden eingeleitet von einer auditiven Reise durch den Gehörgang. Abgerundet wurde die Veranstaltung schließlich von einer Landschaft aus synthetischen Klängen und akusmatischen Fragmenten der Musique concrète.

Mit dem Maler und Multiinstrumentalisten Günther Reger realisierte ich eine Reihe weiterer Konzerte. Durch das Einbeziehen des Publikums und der räumlichen Eigenschaften der Konzertsäle wurden hier neue Berührungspunkte geschaffen.

Nach dem Release des Debütalbums in Blumen im Jahre 2012 folgt eine umtriebige Phase unterschiedlicher Konzerte. Beflügelt von dem Label Libelle bespielte ich mit meinen fluoreszierenden Live Sets Clubs in ganz Deutschland. Das 2013 erschienene Album Weltenraum versteht sich als intergalaktischer Reisebericht, bei dem die Tanzbarkeit des Techno und spacige Synthesizermelodien der Achtziger aufeinandertreffen.

Ich möchte lieber nicht

Nach der Veröffentlichung weiterer EPs widmete ich mich vermehrt kooperativen Projekten mit anderen Künstlern. Projekt Fliesstext beispielsweise befasst sich mit der Synthese von Literatur und Musik. Diese langfristig angelegte ästhetische Forschungsarbeit widmet sich u.a. Herman Melvilles Bartleby der Schreiber. Zusammen mit dem Musiker typxrydxr wird hier die notorische Verweigerungshaltung des Protagonisten in den kreativen Fokus gerückt. Per Zufall generierte Schlagzeugaufnahmen werden durch serielle Techniken mit digitalen Klängen verwoben und einem Musikvideo gegenübergestellt. Ein Teil der Forschungsergebnisse wurde schließlich live als elektronische Performance mit Schlagzeugbegleitung präsentiert.

Seit der Zusammenarbeit mit der Künstlerin Liv Lux haben meine Texte schließlich eine beseelte Stimme verliehen bekommen. Als Produzent trage ich auch dafür Sorge, dass ihre eigenen Lieder der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

Die Öffnung des dritten Ohrs

Im weiteren Verlauf meiner künstlerischen Entwicklung lernte ich nicht nur meine Produktionstechniken zu verfeinern: Inspiriert von Büchern wie Nada Brahma und den Soundwalks a la R. Murray Schafer suchte ich immer mehr Abstand von urban geprägten Wahrnehmungsmustern. Ein längerer Aufenthalt in Indien legte nicht nur neue Strukturen des Geistes frei.

Auch der Blick auf die Prozesse im Studio veränderte sich. Die Trennung von Kunst und Alltag wurde sukzessiv aufgelöst - der Fokus verschiebt sich seither immer mehr auf die Zwischentöne. Auch privat brachte mir ein Umzug zurück in die Heimat die Qualität der Stille wieder nahe. Dies machte sich auch in meinem Schaffen bemerkbar: In mühevoller Kleinarbeit widmete ich mich dem Remastering meines Ambient-Frühwerks Schwerelos, welchem ich soundtechnisch zu neuem Leben verhalf. Zudem bedeutet die Veröffentlichung meines neuen Albums Federland einen weiteren wichtigen Schritt in meinem bisherigen Werdegang.

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